„Ich freue mich darauf, mit Zeit anders umgehen zu können“

# Emmaus: Neuigkeiten

„Ich freue mich darauf, mit Zeit anders umgehen zu können“

Am 21. Juni verabschieden wir Pfarrer Peter Andersen in einem festlichen Sonntagsgottesdienst in der Matthäikirche in den Ruhestand. 35 Jahre war Peter Andersen Pfarrer in unserer Gemeinde und hat ihr Leben und ihre Entwicklung maßgeblich geprägt. 

Wie blickt er heute zurück und nach vorne, wollen wir von ihm im Gespräch wissen.

Peter, im Juni wirst Du nach genau 35 Jahren Pfarrdienst in Matthäi von Superintendent Heinrich Fucks von deinen Aufgaben entpflichtet. Wie fühlt sich das für dich an?

Merkwürdig. Ich atme schon auf, denn ich war mit dem Vikariat 38 Jahre im pastoralen Dienst und ich empfinde nach dieser langen Zeit durchaus Erschöpfung. Und ich habe Respekt vor der Umstellung. Gefühlt ist das Arbeiten als Pfarrer in meiner DNA.

Du hast mit deiner Familie fast 32 Jahre in der Pfarrwohnung direkt an der Kirche gewohnt. Was vermisst du am Leben quasi unter dem Glockenturm, was nicht?

Die Glocken. Und die Großzügigkeit sowie den Garten des Pfarrhauses, auch wenn uns die Größe zum Schluss auch zur Last wurde. Was ich nicht vermisse, ist die dauerhafte Erreichbarkeit und das doch sehr häufige Klingeln an der Haustüre.

In der evangelischen Kirche in Düsseldorf setzt Du Dich seit Jahren für den christlich-jüdischen Dialog ein. Du hast lange Zeit im Ausschuss „Christen und Juden“ der Evangelischen Kirche im Rheinland mitgearbeitet und ihn auch fünf Jahre geleitet. Daraus entstanden ist u.a. eine Handreichung zum Thema „Antisemitismus“. Wie bist Du zu diesem Thema gekommen und was treibt dich dabei heute um?

Mein Hebräisch-Lehrer war gleichzeitig auch Alttestamentler – er hat mich zu dem Thema gebracht. Positiv formulieren könnte man, dass die christliche Identität nur „am Rockzipfel“ des Judentums zu formulieren ist, und dass dies für uns einen Reichtum darstellt. Negativ formuliert: Eine Theologie auf Kosten des Judentums führt uns in die Irre. Leider erleben wir gerade einen Rückschritt in jeder Hinsicht. Angesichts des explodierenden Antisemitismus und auch einer einsetzenden Israelvergessenheit innerhalb der Kirche und Theologie ist dieses Thema in jeder Hinsicht wichtig.

„Die Bibel ist ein unglaubliches Kunstwerk, bei der man immer wieder staunen kann und immer wieder etwas Neues entdeckt werden kann“, hast Du einmal gesagt. Deinen Bibelkurs hast Du auch in der Coronazeit online fortgesetzt. Welche biblische Geschichte hat Dich früher besonders gefordert und begleitet und welche Geschichte heute?

Exemplarisch wahrscheinlich die Geschichten des Propheten Elisa aus dem zweiten Könige Buch und die Frage, wie wir Gewalt in der Bibel einordnen und verstehen können. Aktuell begleiten mich die Schöpfungsgeschichten aus dem ersten Buch der Bibel, weil dort Grundsätzliches für alles Weitere formuliert ist. Das Thema Humanität wird uns dort ins Stammbuch geschrieben.

Auch viele Kinder und Familien hast du über Jahre in unserer Gemeinde begleitet. Ob durch die Taufe, in Kita- und Schulgottesdiensten oder dem Gottesdienst für Kleine Leute. Auch die Kinderkleiderbörse mit ihrem Ehrenamtsteam hast Du sehr gefördert und unterstützt. Was war das erstaunlichste, was Du jemals mit Kindern im Gottesdienst erlebt hast?

Was mich immer grundsätzlich begeistert hat, ist wie Kinder mit mir in die biblischen Geschichten hineinkriechen konnten. Bewegt hat mich auch immer wieder, wenn Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren selbst mutig die Stufen zum Taufbecken heraufgestiegen sind.

Was bedeutet Dein Ruhestand für deine pastoralen und theologischen Existenz?

Ab dem 1. Juli bin ich ein ganz normales Gemeindeglied in Emmaus und daran möchte ich mich auch gewöhnen. Es kann sein, dass ich irgendwann und irgendwo in Düsseldorf noch einmal Predigten halten werde, aber das ist aktuell kein Thema für mich. Theologisch weiterarbeiten möchte ich aber auf jeden Fall in meinen Netzwerken vor allem im Blick auf das Alte Testament.

Du liebst Musik und vor allem den britischen Punk. Welche Platte wirst Du am ersten Abend deines Ruhestands hören?

Keine Platte und nicht wirklicher Punk. Soweit es die Deutsche Bahn zulässt, werde ich abends Nick Cave and the Bad Seeds auf der Waldbühne in Berlin sehen.

Worauf freust Du Dich in der kommenden Zeit besonders?

Auf die Ungebundenheit. Und darauf, Wochenenden als Wochenenden zu erleben. Grundsätzlich freue ich mich auch darauf, mit meiner Frau zusammen mit der Zeit anders umgehen zu können.

Was wünschst Du uns und dem evangelischen Düsseldorf?

Den eingeschlagenen Weg weiterzugehen, weiterhin mutig Neues zu wagen und nicht krampfhaft am Alten festzuhalten. Und an dieser wunderbaren Gemeinde weiter (um)zubauen.

Das Interview führte Jessica Voß

Peter Andersen trat nach seinem Theologiestudium in Bochum und Wuppertal sein Vikariat 1988 in Düsseldorf-Holthausen an. Im Jahr 1990 wurde er während seiner Assistenzzeit in Gerresheim ordiniert. Im Jahr 1991 wurde er Pfarrer der damaligen Matthäi-Kirchengemeinde. Sein Wirken ging aber weit darüber hinaus: So wurde er u.a. 1999 zum Assessor gewählt und begleitete die Fusion der damaligen drei Kirchenkreise Süd, Nord und Ost in Düsseldorf. Als Leiter des Bevollmächtigtenausschusses stand er 2007 der ersten Synode des neuen Kirchenkreises Düsseldorf vor.

Dies könnte Sie auch interessieren