
In der Evangelischen Kirche im Rheinland gibt es eine Stabstelle, die in unserer Gesellschaft diskriminierende Strukturen sichtbar machen möchte und dabei den Blick besonders auf Bereiche richtet, in denen Menschen zum Beispiel aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sozialen Lage benachteiligt werden. Im Gespräch ordnen Melanie Horster und Irene Diller mit uns Gewalt gegen Frauen theologisch, gesellschaftlich und innerhalb unseres kirchlichen Handelns ein.
Die Evangelische Kirche im Rheinland hat sich vor 26 Jahren gegen Gewalt gegen Frauen positioniert. Was war der Anlass und warum erst im Jahr 2000?
Horster: Dass es zu diesem Synodenschwerpunkt kam, hängt damit zusammen, dass im Jahr 2001 die ökumenische Dekade „Gewalt gegen Frauen und Mädchen überwinden“ begann. Sie schloss sich an die vorangehende Dekade des Ökumenischen Rats der Kirchen an „Kirchen in Solidarität mit den Frauen“. Gesellschaftlich und kirchlich wurde klar: Gewalt gegen Frauen ist ein zentrales Thema, das alle Gruppen und Schichten durchzieht.
Bereits in den 1970er Jahren hat die Frauenbewegung und die feministische Theologie das Thema in den Blick gerückt: In Duisburg wurde 1978 das erste evangelische Frauenhaus gegründet - nur zwei Jahre nach dem ersten autonomen Frauenhaus in Berlin-West.
Die Gesellschaft und Gesetzgebung hat noch lange gebraucht, um zu reagieren: Erst seit 1997 gibt es den Straftatbestand der Vergewaltigung in der Ehe, das Gewaltschutzgesetz ermöglicht seit 2002, dass die Polizei den Gewalttäter der Wohnung verweisen kann. Die Istanbul-Konvention zur Prävention und Strafverfolgung wurde erst 2018 in Deutschland ratifiziert. In der Kirche ist deutlich zu erkennen, dass das Thema zunächst in Artikeln und Initiativen der feministischen Theologie aufgegriffen wurde, die von Seiten der Amtskirchen und der „Mainstream-Theologie“ kaum aufgegriffen wurden. Mit dem Synodenschwerpunkt im Jahr 2000 hat sich das in der Evangelischen Kirche im Rheinland geändert.

Ein Positionspapier ändert ja leider noch nicht die Realität. Worin sehen Sie unsere Pflicht als Evangelische Kirche dem entgegenzutreten und was haben wir seitdem gemacht?
Diller: Bei der Frage der Gewalt ist die Positionierung der Kirche wichtig, denn häusliche Gewalt wurde lange theologisch legitimiert mit vermeintlich Zitaten wie „das Weib sei dem Manne untertan“. Die Evangelische Kirche hat klargestellt, dass sich Glaube und Gewalt gegen Frauen nicht vereinbaren lässt: Gewalt gegen Frauen ist Sünde. Gewalt gegen Frauen verletzt Gott selbst. Das verändert die Realität in gläubigen Familien: Die Frau, die sich gegen Gewalt wehrt, weiß Gott und die Kirche auf ihrer Seite. Der Gewalttäter wird delegitimiert. Darüber hinaus bietet die EKiR eine breite Hilfestruktur mit Frauenhäusern, Beratungsstellen und diakonischen Einrichtungen wie z.B. der Mutter-Kind-Klinik auf Spiekeroog. Das Gleichstellungsgesetz der EKiR von 2001 steuert struktureller Gewalt im beruflichen und im Gremien-Kontext entgegen. Publikationen, Ausstellungen und Bildungsveranstaltungen tragen dazu bei, dass das Thema zur Sprache gebracht wird und das blaue Auge der Nachbarin in Gemeinden nicht mehr überall stillschweigend hingenommen wird. Die jährlichen Aktionen in vielen Kirchenkreisen und Gemeinden zu den „Orange days“ vom 25.11. (Internationaler Tag gegen Gewalt gegen Frauen) bis zum Tag der Menschenrechte am 10.12. sind ebenso wie die Beteiligung an „one billion rising“ schon Tradition – immer mehr in großen Netzwerken mit lokalen Netzwerken und Initiativen. Wichtig ist auch die politische Arbeit wie die Stellungnahmen der Evangelischen Frauen in Deutschland und die Mitarbeit im Frauenrat.

Die Bibel enthält zahlreiche Darstellungen physischer und seelischer Gewalt. Wie ist Ihre theologische Sicht auf das Thema?
Horster: Die Bibel beschönigt nichts. Davon können wir in der Kirche lernen. Gewalt findet nicht außerhalb statt und trifft nicht andere. Wir müssen uns einer gewaltvollen Wirklichkeit stellen und dieser entgegentreten. Die Bibel ist aber auch Spiegel einer patriarchalen Wirklichkeit und wir finden in ihr auch Aussagen, die wir heute falsch finden. Allerdings sind die befreienden und ermächtigenden Aussagen für Frauen überraschend stark und zahlreich, wenn man den Entstehungskontext anschaut. Unsere Grundüberzeugung ist, dass alle Menschen zum Bilde Gottes geschaffen sind und deshalb mit gleicher Würde und mit gleichem Wert. Paulus schreibt im Brief an die Galater (Kap 3,28): „Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich und weiblich: denn alle seid ihr einzig-einig im Messias Jesus.“ Theologisch ist damit jede Form von Diskriminierung, jede Form von Gewalt falsch und richtet sich gegen Gottes Gerechtigkeit.
Unsere Kirche hat sich in der Vergangenheit selbst an vielen Menschen – Frauen wie Kindern und auch Männern – schuldig gemacht. Denn unsere eigenen Strukturen haben sexualisierte Gewalt in unseren eigenen Gemeinden und Einrichtungen ermöglicht. Wir haben zu lange die Täter und nicht die Opfer geschützt. Wie blicken Sie heute darauf?
Diller: Sexualisierte Gewalt war von Anfang an Teil des Themas Gewalt gegen Frauen und Mädchen – aber nicht als Thema der Kirche. Erst in den letzten Jahren ist nach und nach sichtbar geworden, dass bestimmte Machtstrukturen in der Kirche sexualisierte Gewalt ermöglichen und die Vertuschung der Taten befördern. Auch der Missbrauch von spiritueller Macht über Menschen kommt erst langsam in den Blick. Vor 20 Jahren sollte eine Juristin im Frauenreferat das gesamte Thema mit einem kleinen Stellenanteil bearbeiten. Wir haben dann gemeinsam dafür gekämpft, dass es eine tragfähige Struktur gibt: eine unabhängige Beratung, davon getrennt die juristische Bearbeitung. Heute sind noch Prävention und Aufarbeitung dazugekommen. Und am wichtigsten: die Betroffenen bringen ihre Perspektiven ein und werden gehört. Schutzkonzepte tragen hoffentlich in Zukunft dazu bei, dass die Kirche für Täter und Täterinnen kein sicherer Raum mehr ist, für alle anderen aber sehr wohl und insbesondere für Kinder und Jugendliche.
Gewalt an Frauen ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das denkt man vielleicht nicht sofort. Wo beobachten Sie in unserer Gesellschaft strukturelle Probleme, die wir ernst nehmen und angehen sollten? Was ermöglicht oder fördert in unserer Gesellschaft Gewalt gegen Frauen?
Horster: Wir erleben weltweit zunehmende Gewalt gegen Frauen und andere marginalisierte Gruppen, obwohl gleichzeitig Frauenrechte immer mehr umgesetzt werden. Partnerschaftsgewalt und Femizide (der Mord an Frauen aufgrund ihres Geschlechts) erreichen erschreckende Zahlen – sicher auch, weil immer mehr Fälle aus dem Dunkelfeld ins Hellfeld wechseln. Die Grundaussage unseres Glaubens aber auch der allgemeinen Menschenrechte, dass alle Menschen gleich viel Wert sind, hat eine enorme Sprengkraft, weil sie letztlich bedeutet, dass die Gruppen, die bisher Macht, Privilegien und Wohlstand für sich beansprucht haben, abgeben müssen. Über Jahrhunderte waren weiße ältere Männer allein privilegiert. Das ändert sich gerade. Vor allem Frauen rücken in alle politischen und wirtschaftlichen Schlüsselpositionen vor. Das führt bei der Gruppe, die bisher allein aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Geschlechts bessere Chancen als andere hatten, zu Verlustängsten. Nie war bei jungen Menschen die politische Haltung so unterschiedlich zwischen den Geschlechtern. Junge Männer wählen vermehrt rechts-konservative Parteien, die ein traditionelles Geschlechterverhältnis propagieren. Junge Frauen dagegen wählen eher links und Parteien, die die Gleichstellung aller Geschlechter fordern. Der Genderdiskurs ist aus meiner Sicht also die Wurzel für die zunehmende Gewalt gegen Frauen. Wir brauchen neue Männlichkeitsbilder, die Selbstbewusstsein nicht als Dominanz gegenüber anderen definieren. Wir müssen Gleichstellung und Anti-Diskriminierung und Anti-Rassismus konsequent fördern und umsetzen.
Über die Beratungsstellen und Notunterkünfte für Frauen der Diakonie Düsseldorf leisten wir aktive Hilfe. Bei sinkenden Mitgliederzahlen wird es in Zukunft aber vermutlich immer schwieriger die Gelder für solche Hilfen bereitzustellen. Wie blicken Sie in die Zukunft?
Diller: Die diakonische Aufgabenfelder müssen durch kommunale und staatliche Refinanzierung gesichert werden. Dafür kann sich Kirche politisch stark machen. Gleichzeitig ist Gewalt kein Thema außerhalb der Kirche oder nur ein Thema des Helfens. Kirche ist ein Raum, in dem Menschen gleichberechtigtes und gewaltfreies Miteinander einüben müssen. Gegen Gewalt gegen Frauen können wir uns in der Kirche einsetzen, indem wir gegen diskriminierende Sprache und Bilder Einspruch erheben, indem wir uns an Aktionen beteiligen, informieren und offen über das Thema sprechen, sodass Betroffene wissen, dass sie im Raum der Kirche nicht länger schweigen müssen.
Dieses Interview führte Jessica Voß. In gekürzter Form ist es in der GemeindeZeit-Ausgabe Mai - August 2026 erschienen.