„Du wirst ein ganz toller Mann!“

# Emmaus: Gemeindezeit-Artikel

„Du wirst ein ganz toller Mann!“

Über die Arbeit mit Jungs als Prävention

Noch bevor ich ihn sehe, höre ich ihn: Malte Schulz, 45 Jahre, dunkler Bart, breites Lachen. Während er noch ganz hinten im Gang auf mich zusteuert, holt mich seine Stimme schon an der Türe ab. Ich würde ihn auch als Türsteher ernst nehmen, fühle mich aber sofort willkommen. Während er uns einen Kaffee macht, kommen verschiedene Kollegen vorbei. Alle genauso offen, freundlich, individuelle Typen. Malte ist hier offensichtlich das Energiezentrum, das alles zusammenhält. Vor 15 Jahren hat er das AlleMann gegründet, ein Ort für Jungenkompetenz und Männerarbeit. Der Weg dahin war nicht gradlinig aber eine Bestimmung: Einer von drei Brüdern, Kochlehre, Sportstudium, Graffity, Arbeit bei Jaque Tilly. Dann sozialpädagogische Projekte in Grundschulen. Hier hat es ihn gepackt: „Ich wurde der Pädagoge, den ich selbst gebraucht hätte“, sagt er mir und durch seine starke Präsenz schimmert kurz ein kleiner Malte, der gesehen werden will. „Wie wird man überhaupt vom Jungen zum Mann? Das ist schon schwer genug. Und wenn Du dann keinen Vater hast… Ich hatte einen, und trotzdem hab ich auch noch andere Vorbilder gebraucht als Orientierung.“ erzählt er weiter.

Die neun Männer schaffen gemeinsam einen Raum, in dem Jungs gesehen werden und Vorbilder haben, von denen sie lernen können. Die Jungs werden vermittelt über Ärzte, Schulpädagogen, Familienberatungsstellen, Jugendamt usw. Teilweise haben sie Gewalt erfahren, sind irgendwie auffällig geworden, manche mit überbordender Energie und andere unheimlich still und in sich gekehrt. Sie erleben Ausgrenzung und Gewalt untereinander. Sie kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft, aber meistens ohne Väter.

„Diese Jungs fallen auf und bekommen schnell das Label >Problem-Bär<. Dabei verhalten die sich einfach nur wie ein normaler Bär“, sagt Malte. Ich frage ihn, ob das denn hilft, das kritische Verhalten einfach positiv zu framen. „Das tun wir nicht“, betont er. „Wir haben hier sehr klare Regeln, was den Umgang und die Sprache angeht. Aber wir können die Jungs hier auf eine andere Weise und mit einer ganz anderen Energie ansprechen, als ihre Lehrer oder die Mütter. Die Aggressivität ist da. Das ist so. Zu erwarten, dass sie die einfach komplett wegdrücken, würde sie überfordern. Wir würdigen diese Dynamik, arbeiten spielerisch damit und helfen ihnen dabei, die Grenzen selbst zu erkennen und sich zu regulieren. Plötzlich geht es nicht mehr darum, sich gegenseitig fertig zu machen, sondern das nachher als gemeinsames Geschenk zu erleben, weil das geil ist, seine ganze Kraft mal rauszuhauen.“

„Sie lernen, dass sie auch miteinander kämpfen können statt gegeneinander.“

Ich schaue mich um. Die Sonne scheint auf die Muffins die gestern zwei Jungs gebacken haben. Im Nachbarraum drängt sich eine Tischtennisplatte zwischen zwei Sofas. In allen Räumen findet sich irgendwas zum Spielen oder Chillen. Viele Fotos sind an den Wänden, von Aktionen und Festen und ein paar Pflanzen. So spröde die Architektur ist, so „oasig“ wirken diese Räume. Eine Männerhöhle, ein sicherer Ort für Jungs. Es herrscht noch die Ruhe vor dem Sturm. Der erste 13-Jährige ist gerade durchs Büro geschlakst („Hi Malte“, „Hi, und was machst Du heute?“,“Nix“). Schon hängt er vor der Playstation, vermutlich mit den Laktatwerten eines Pandabären. In der nächsten Stunde werden dann die anderen Jungs eintrudeln und der Nachmittag wird sich entwickeln. Jeder Tag ist anders. Malte erzählt weiter, weshalb die Sicherheit und die Geborgenheit an diesem Ort so wichtig ist:

„Neues Verhalten probierst Du erst aus, wenn Du Dich sicher fühlst“

Wenn du wie in einem Aquarium beobachtet wirst, von deinem Lehrer, den Mädchen oder deiner Mutter, dann experimentierst du nicht. Aber genau das müssen sie, um alternatives Verhalten für sich zu entdecken. Hier können sie das, weil sie kein Risiko eingehen, zu versagen, sich lächerlich zu machen oder ihren Status zu verlieren. Und mit dem Vertrauen, das teilweise über Jahre gewachsen ist, dringen Malte und seine Männer dann oft auch in die Tiefenschichten ihrer Schützlinge vor: „Wo versteckst du dich, wenn es knallt? Wovor hast Du Angst?“

Nicht selten legt ein Junge eine enorme Entwicklung hin, aber in der Schule wird das nicht erkannt. Er ist dann zwar von -20 auf -5 gekommen, im System Schule bist Du aber erst ab 0+ kein Störfaktor mehr. Besonders dann sind Malte und seine Kollegen gefordert, auch als Anwälte für die Jungs einzustehen und sie zu motivieren, weiterzumachen.

„Das wird ein ganz toller Mann. Wenn wir ihn jetzt nicht allein lassen.”

So wie Akim, dessen Mutter sich bei ihm gar keine Mühe mehr gegeben hat, weil seine drei Brüdern schon hochkriminell waren. Über zehn Jahre hat das Team ihn begleitet. Und es geschafft. Er hat eine Ausbildung zum Maler Lackierer gemacht und sich freigeschwommen. Oder wie Mark mit polnischen Wurzeln und aggressivem Vater, erlebt überall Mobbing und Ausgrenzung. Kurz vor dem Abi ist er suizidgefährdet und das AlleMann nimmt sich seiner an. Dort erlebt er, dass es legitim ist, anders zu sein als sein Vater. Durch ein Projekt entdeckt er das Fotografieren und seine Gabe. Ein Praktikum, Unterstützung, eine Fotomappe und schließlich dann: Die Aufnahme an der Hochschule der Künste in Berlin. Dort lernt er seinen Partner kennen, outet sich und löst sich immer weiter von der Gewalt, die er als Kind erlebt hat.

„Liebe mich am meisten, wenn ich es am wenigsten verdiene.“

Das ist das Leitmotiv für Malte und seine Kollegen. Sie versuchen, den Teufelskreislauf krankmachender Männerbilder zu durchbrechen, damit Jungs zu Männern werden und nicht zu Gewalttätern. Ich denke an das Titelthema unserer Ausgabe und frage mich, wie viel Gewalt gegen Frauen wohl an diesem Ort hier schon verhindert wurde, Jahre bevor sie irgendwo anders passiert wäre. So viele Jungs haben hier gelernt, dass es noch andere Männerbilder gibt. Sie haben gelernt in Beziehung zu gehen, sich zu zeigen und dafür respektiert zu werden. Beim Verabschieden fällt mir auf, dass ich einen guten Kopf größer bin als Malte. Aber es fühlt sich für mich die ganze Zeit so an, als ob ich zu ihm aufschaue. Guter Mann!

Lars Schütt

AlleMann: Das AlleMann ist eine Fachstelle unter dem Dach der Diakonie Düsseldorf. Hier werden Jungs im Alter von 14 bis 27 im Rahmen von Einzelfallhilfen begleitet. Die Fachstelle besteht seit 2011 und finanziert sich sowohl aus öffentlichen Mitteln als auch über Spenden.

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