Kinotipp: „Bach anders gesehen: Eine filmische Spurensuche“

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Kinotipp: „Bach anders gesehen: Eine filmische Spurensuche“

Im Kino Cine Star in der Stadthalle wird der Autor am 31.5., 15.30 Uhr, dieses wunderbare Buch auch in Lübeck als letzter Bachstadt seiner Lesereise vorstellen. Es werden auch Filmausschnitte der Bachfilme gezeigt.


Von Dr. Johannes Schönherr

Knut Elstermann bin ich im vergangenen Herbst begegnet, als er im Berliner Konzerthaus ein Jubiläumskonzert mit Filmmusik moderierte. Seine kenntnisreichen und zugleich sehr persönlichen Einführungen haben mich sofort beeindruckt – eine Mischung aus großer Souveränität, spürbarer Begeisterung und enormem Filmwissen.

Ich wusste damals nur über ihn, dass er aus Leipzig kommt, Journalistik studiert hat und bis 1989 beim „Neuen Deutschland“ arbeitete. Später war er u. a. bei DT64 und im ORB-Hörfunk sowie Fernsehen tätig. Umso überraschender war für mich im Gespräch nach dem Konzert, dass er sich intensiv mit meinem Lieblingskomponisten Bach beschäftigt hat – und daraus sein Buch „Bach bewegt. Der Komponist im Film“ entstanden ist.

Elstermann nähert sich Bach aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive: nicht biografisch oder musikwissenschaftlich, sondern über den Film. Sein Buch ist eine Mischung aus Essay, Reisebericht und kulturkritischer Reflexion. Im Zentrum steht die Frage, wie Bach im Film dargestellt wurde – und was das über unser heutiges Bach-Bild verrät.

Dabei wird schnell klar: Es gibt nicht den einen Bach. Vielmehr zeigt Elstermann, wie jede Epoche „ihren“ Bach erfindet. Im NS-Film erscheint er als braver Nationalkomponist, in der DDR als kulturelle Leitfigur, in neueren Produktionen eher als ambivalente und schwer greifbare Persönlichkeit. Besonders spannend ist dabei, wie der Autor die Spannungen zwischen historischer Realität und filmischer Inszenierung herausarbeitet. Letztlich entsteht ein „Porträt zweiter Ordnung“ – nicht von Bach selbst, sondern von den Bildern, die wir uns von ihm machen.

Ein roter Faden ist die Diskrepanz zwischen der überwältigenden Präsenz von Bachs Musik und der erstaunlich geringen Kenntnis über seine Persönlichkeit. Gerade weil so wenig über den Menschen Bach bekannt ist, entstehen immer neue Deutungen – im Film wie in der Forschung.

Film versteht Elstermann dabei als eigenständige Erkenntnisform: Filme zeigen nicht die Wahrheit über Bach, aber sie machen sichtbar, wie Menschen ihn sehen wollen. Damit bewegt sich das Buch zwischen Film-, Musik- und Kulturwissenschaft, bleibt aber bewusst zugänglich und erzählerisch.

Auffällig ist die starke persönliche Handschrift des Autors. Elstermann macht keinen Hehl aus seiner Begeisterung – das Buch ist auch eine Liebeserklärung an Bach. Das sorgt für viel Wärme und Lesefreude, gelegentlich zulasten analytischer Distanz. Manchmal wirkt der Text eher wie ein engagiertes Plädoyer als eine streng wissenschaftliche Studie. Allerdings passt genau das zu seinem Ansatz: eine lebendige Mischung aus Analyse, Anekdoten und Begegnungen, geschrieben in einem angenehm unakademischen Ton.

Die originelle Idee, Bach über den Film zu erschließen, hat mich überzeugt. Diese Verbindung von Filmgeschichte, Musikgeschichte und Kulturkritik wird selten so anschaulich umgesetzt. Die vielen Beispiele, Hintergrundinformationen und Gespräche machen das Buch lebendig und greifbar. Vor allem die kritische Auseinandersetzung mit Klischees und ideologischen Bach-Bildern ist sehr gelungen.

Wer allerdings tiefgehende Analysen von Bachs Musik erwartet, wird hier nicht fündig – der Fokus liegt klar auf Rezeption, nicht auf Werkinterpretation. Das ist aber konsequent und durchaus gewollt.

So ist „Bach bewegt“ kein klassisches Standardwerk, sondern eher ein kluges kulturjournalistisches Essay mit wissenschaftlichem Anspruch – und eine sehr persönliche Annäherung an Bach. Gerade darin liegt seine Stärke.

Fazit: ein anregendes, gut lesbares Buch, das zeigt, wie sehr unser Bild von Bach konstruiert ist – und welche Rolle der Film dabei spielt. Besonders empfehlenswert für alle, die sich für das Zusammenspiel von Musik, Film und Kulturgeschichte interessieren. Nebenbei wird auch deutlich, wie schwierig es ist, einen Komponisten filmisch darzustellen, über den wir jenseits seiner Musik so wenig wissen.

Abgerundet wird das Ganze durch eine Übersicht der behandelten Filme und weiterführende Literatur – fast schon ein kleines Nachschlagewerk für Bach-Interessierte.

Im Vergleich zu klassischen Bach-Büchern wird die Einordnung klar: Wer Bachs Musik wirklich verstehen will, greift zu den großen Biografien und Analysen, wie bspw. von Wolff oder Gardiner. Wer aber verstehen möchte, wie Bach im Laufe der Zeit gesehen und dargestellt wurde, ist bei Elstermann genau richtig.

Bach bewegt. Der Komponist im Film von Knut Elstermann BeBra-Verlag, gebunden, 176 Seiten, 14 x 22 cm, 37 Fotografien ISBN 978-3-89809-262-3, 2. Auflage, 20,– €



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