
Predigt zum Reformationstag 2026
Bettina Limperg
Präsidentin des BGH a.D.
Düsseldorf, 31.10.2026
Liebe Kirchengemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
mit Ihnen das Reformationsfest zu feiern, ist ein großes Geschenk für eine Botschafterin des Kirchentages. Denn Düsseldorf feiert den 40. Kirchentag unter dem Leitwort „Du bist kostbar“ – das knüpft direkt an die befreiende Botschaft des Reformationstages an. Du bist kostbar, wie du bist, ohne ein wenn, ohne ein solange oder irgendeine andere Bedingung. Was für eine Zusage; unverdiente Gnade!
Einleitung:
Ich möchte in dieser Predigt mit Ihnen gemeinsam darüber nachdenken, wie wir mit den sehr abstrakten Begriffen der Gerechtigkeit und der Gnade umgehen können, was das mit dem Glauben an Gott und damit auch ganz konkret für uns bedeutet. Denn jeder und jede von uns fragt sich nicht nur gelegentlich: Wie kann ich an Gott glauben, wenn er es so ungerecht zugehen lässt auf der Welt? Wenn ich ihm so kostbar bin, warum geht das Leben dann an mir vorbei, warum habe ausgerechnet ich eine böse Krankheit, muss Verlust oder Schmerz erleiden? Was nützt alle Kostbarkeit, wenn sie nicht in barer Münze gezahlt wird und, vor allem: wenn es nicht alle gleichermaßen „gerecht“ trifft?
Ich habe deshalb meine Predigt mit einem Fragezeichen versehen: Gerechtigkeit aus Gnade? kann das gut gehen?
Hauptteil 1:
Genau von solchen Gefühlen und solchem Hadern handeln auch meine beiden mitge-brachten Bibeltexte, wir haben Sie eben gehört. Es geht um die Gerechtigkeit auf Erden, um die Schnittstelle zwischen der göttlichen Zusage des Wertes eines jeden Menschen an sich und dem, was wir selbst davon erfahren, was wir - sehr salopp gesprochen - denn
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haben von unserem Glauben. Die Frage: Gott wo bist du? angesichts von Leid und Elend ist so alt wie der Glaube selbst. Hier auf der Welt fragen wir nach vielen Gerechtigkeiten: wir fordern Verteilungsgerechtigkeit, Leistungsgerechtigkeit, Vorsorgegerechtigkeit, Generationengerechtigkeit, gerechte Lebensverhältnisse in Ost und West, globale Gerechtigkeit. Hat das etwas mit Glauben zu tun? Und wie spielt das dritte G, die Gnade hinein? Im alttestamentarischen Text Habakuk 2,4 heißt es: Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben. Und bei Paulus in Römer 3,28: So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
Exkurs:
Gestatten Sie mir einen kleinen juristischen Exkurs: Sie können sich vorstellen, dass ich als Juristin und Richterin da zusammenzucke: denn in einem Rechtsstaat kann es ja gar nicht anders sein, als dass wir Gerechtigkeit eben nicht durch ein Glauben und Dafürhalten, sondern durch Wissen, ganz konkrete Gesetze und Regelungen aller Art herstellen. Unendlich viel Energie geht in solche Regelwerke, damit wir als Richterinnen am Ende gerechte Urteile fällen können oder die Menschen auf der Grundlage solcher Regeln zu eigenverantwortlichen regelbasierten Lösungen angeregt werden. Als Richterin leiste ich einen Amtseid, das Richteramt getreu dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und getreu dem Gesetz auszuüben. Die Bindung an die Gesetze ist eine Errungenschaft, die Willkür und Gutdünken entgegensteht. Von Glauben ist da nicht die Rede. Andererseits ist der berühmte Buchstabe des Gesetzes manchmal auch in einem Rechtsstaat evident ungerecht, wenn etwa der Gesetzgeber bei der Abfassung des Gesetzes eine Fallkonstellation gar nicht im Blick hatte. Deshalb geht die Eidesformel auch weiter: „Der Richter urteilt nach bestem Wissen und Gewissen [ohne Ansehen der Person] und hat nur der Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen.“ Da schwingt einiges mit, das über reine Gesetzesbindung hinausgeht. Und wenn der Eid mit der Formel abgeschlossen werden kann (und sehr oft auch so abgelegt wird): „So wahr mir Gott helfe“, dann sehen Sie schon eine erstaunliche Dimension des richterlichen Wirkens.
Vielleicht kennen Sie ja auch die sogenannte Radbruch´sche Formel, nach der ein Richter sich sogar gegen das formelle Gesetz entscheiden muss, wenn es als „unerträglich ungerecht“ anzusehen ist. Sie können sich denken, dass dieser Grundsatz aufgestellt wurde im Zusammenhang mit der Anwendung von Gesetzen und Recht in der Zeit des Nationalsozialismus, in der das Recht weitgehend als Tarnung für Unrecht angewendet wurde. Wir halten also fest: Auch gesetztes Recht bedarf einer weiteren Dimension, die der Gerechtigkeit durch Glauben als Kern unserer Bibelstellen sehr nahekommt: Wörtlich sagt Radbruch: „… man kann Recht, auch positives Recht, gar nicht anders definieren als eine Ordnung und Satzung, die ihrem Sinne nach bestimmt ist, der Gerechtigkeit zu dienen.“ Da schwingt überpositives Recht mit, das seine Berechtigung wie einen Glaubenssatz einfordert. Ende Exkurs!
Hauptteil 2:
Wenn Habakuk und Paulus von Gerechtigkeit sprechen, ist damit allerdings nicht die Gerechtigkeit des Rechts gemeint, nicht eine Rechtslage, die sich aus der Aktenlage, Beweiserhebung oder Paragrafen ergibt. Sie sprechen von einer Gerechtigkeit, die Gott zuspricht — und die damit grundlegend anders funktioniert als die weltliche Gerichtsbarkeit. Auch Habakuk lebte in einer Zeit größter politischer Unsicherheit. Er erlebt Gewalt, Ungerechtigkeit, Korruption. Auch er ringt mit Gott: „Wie lange noch?“ fragt er und Gott antwortet nicht mit einem Gesetzestext oder einer Handlungsanweisung, sondern mit dem Satz, der bis heute trägt:
Habakuk 2,4:
„Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ Mit diesem Satz als Antwort auf die durchaus konkret gestellte Frage des Habakuks, wie lange das Chaos und Unrecht seiner Zeit noch andauern soll, ändert Gott den Bezugspunkt: es geht an dieser Stelle nämlich nicht um ein gerechtes Ergebnis, also um eine gerechte Handlungsanweisung, sondern um den- oder diejenige, die darum ringt. Das sind Sie oder ich. Der Gerechte wird aus Glauben leben, das verändert die Perspektive vom Ziel zum Start und vor allem: hin zum Subjekt des gerechten Menschen.
Damit nimmt die Gerechtigkeit aus Glauben zuallererst den Menschen selbst in den Blick. Er ist gemeint, wenn Gott Antwort auf die Fragen der Gerechtigkeit geben soll. Nicht: ich regle das für dich, sondern: du bist der Gerechte. Damit münzt Gott den Glauben an ihn um in eine Botschaft an uns: wer an ihn glaubt, wird ein Gerechter. Das ist ein starker Vertrauensbeweis und: darin liegt zugleich ein Auftrag an uns alle: Gerechtigkeit entsteht nicht aus der Zauberhand Gottes, er macht sie nicht, sondern er ermächtigt uns durch den Glauben, selber gerechte zu sein. Ich finde, dass ist eine starke Antwort auf unsere Fragen nach Gottes Handlungskonzept für Gerechtigkeit auf dieser Erde. Paulus greift diesen Gedanken auf, führt ihn aber nochmals weiter: „So halten wir dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ Das ist der weitergesponnene Kern der alttestamentarischen Feststellung: Gerechtigkeit ist kein Urteil nach den Gesetzen, dass ich mir also erarbeite und institutionell absichern kann. Sie ist ein Zuspruch, den Gott schenkt. Diesen Gedanken haben Luther und andere seiner Zeit revolutionär weitergedacht: Sie haben daraus die personale Beziehung Gottes zu jedem einzelnen Menschen erkannt, eine ganz unmittelbare Möglichkeit der Zwiesprache einer Mensch-Gott-Beziehung statuiert. Dadurch bedarf es auch keiner zwingenden institutionellen Vermittlung mehr durch die Kirche oder andere Institutionen des Staates oder einer jedweden Herrschaft. Die ganze Ablasssituation, diese von weltlichen und kirchlichen Instanzen erfundene Form der Vergebung der Sünden durch eine Zahlung von Geld oder die Entrichtung von Diensten war obsolet allein durch den Glauben, der jeden einzelnen Menschen gerecht machen konnte. Und ganz nebenbei: Auch die Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache war kein Zufall oder Langeweile des verbannten Luther. Sie war das Kommunikationselement, das es den Menschen erlaubte, selber zu hören und zu verstehen, was Gott Ihnen durch die Heilige Schrift sagen wollte – und was die Kirche ihnen lange verweigert
hatte.
Damit komme ich zur Gnade:
Sie kennen den Satz: Gnade vor Recht! Das ist wiederum für eine Juristin ein sehr zweifelhafter Ansatz. Denn wenn etwas nach dem Recht gerecht ist, wie kann dann Gnade diese Gerechtigkeit ersetzen? Machen das nicht Potentaten zugunsten ihrer Klientel und gerade gegen das Recht? Es ist ein Widerspruch in sich – und doch verbinden wir mit dem Wort Gnade etwas Positives, etwas das sich außerhalb einer starren Ordnung bewegt, etwas, das einen Wert in Bezug nimmt und dafür eine Regel außer Acht lässt. Gnade ist aber vor allem etwas – und diese Erkenntnis verdanken wir Luther und seine Zeitgenossen- das unverdient ist. Mein Großvater, der ein sehr frommer Mann war, sagte bei jeder Gelegenheit: unverdiente Gnade! Das sagte er, wenn er glücklich war, wenn alle gesund waren, wenn etwas gelang: unverdiente Gnade! Solche Gnade ist das Geschenk Gottes an uns, die wir nicht erkaufen können, nicht durch Geld, nicht durch Verhalten, nicht durch Wichtigkeit. Sie ist voraussetzungslos und steht jedem zu. Sie bedarf keines Wohlverhaltens und keines Mitteleinsatzes: sie sagt: du bist kostbar! Zugleich basiert dieser Zuspruch auf dem Vertrauen, das Gott uns als seinen Ebenbildern zumisst. Denn wenn, und da schließt sich für mich der Kreis, wenn wir aus Glauben gerecht werden, und das unmittelbar mit dem Zuspruch einer unverdienten Gnade verknüpft ist, dann ist der Kreis aus Glauben, Gerechtigkeit und Gande geschlossen: weil Gott uns bedingungslos annimmt und wir durch unseren Glauben Gerechte werden, liegt es an uns, mit Gottes Hilfe für Gerechtigkeit auf dieser Welt zu sorgen, nicht nur als Richterin, sondern jeder für sich auf seine Weise und mit seinem Anspruch an eine gerechte Welt.
Bezug zum Kirchentag:
Mit seinem Leitwort nimmt der Kirchentag in Düsseldorf diese Botschaft auf: du bist kostbar ist ein Zuspruch an jede und jeden. Du bist gemeint, du kannst wirksam sein, du kannst ein Gerechter sein. Zugleich findet der Kirchentag im öffentlichen Raum statt: auf Plätzen, an Bühnen, zwischen Ständen, mitten unter Menschen. Auch dieser Raum ist kostbar. Warum? Weil dort Teilhabe möglich wird. Weil Menschen sichtbar werden. Weil Vertrauen wachsen kann. Weil Vertrauen Mut zum Miteinander schafft. Und weil daraus Aufbruch und Bewegung entstehen. Wenn wir im öffentlichen Raum stehen, tragen wir etwas von der reformatorischen Freiheit hinein: Die Freiheit, Menschen zu ertüchtigen, zu ermutigen im Glauben an Gerechtigkeit selbst gerecht zu werden. Die Freiheit, der Menschenverachtung, dem Hass und dem Misstrauen etwas entgegenzusetzen, das größer ist als unsere Vernunft: Die Freiheit, im Glauben ein Gerechter zu sein. Viele politische Ränder weltweit nutzen fehlendes Vertrauen in eigene Handlungskompetenzen, ja sie schüren das Misstrauen, wiegeln auf und lassen zu, dass Menschen sich gegenseitig die Würde und den Wert absprechen, den Gott uns zuspricht. Die reformatorische Botschaft ist deswegen auch heute noch politisch relevant: Gerechtigkeit durch Glauben nimmt jeden einzelnen Menschen wahr und spricht ihm eine personale Bindung zu Gott zu. Menschen sind danach kostbar — unabhängig von Herkunft, Leistung oder Meinung unabhängig von irgendeiner Macht. Und: als Gerechte ist jeder einzelne wirkmächtig, wo immer und wie immer er oder sie das wahrnimmt.
Schluss
Gerechtigkeit aus Glauben: die Gnade solchen Zuspruchs greift nicht ein in mein weltliches Konzept der Rechtsprechung. Sie meint etwas ganz anderes: sie wird nicht gegen mein Recht in Stellung gebracht. Sie überhöht sich nicht zu einer Supergerechtigkeit. Die Gnade der Gerechtigkeit durch Glauben ist ein Versprechen anderer Art: Sie meint jeden einzelnen, wie er ist und ohne Bedingung. Sie macht sie und mich zu Gesprächspartnern Gottes, im Gebet oder auch einfach in der Auseinandersetzung mit den Problemen unserer Zeit. Sie macht jede und jeden von uns zu Handlungsbevollmächtigten Gottes für seine Gerechtigkeit auf Erden. So gesehen, kann ich das Fragezeichen guten Mutes auflösen: Gerechtigkeit durch Gnade: in meinem Verhältnis zu Gott kann ich das stehenlassen und annehmen. Nehmen auch Sie diesen Zuspruch mit in Ihren Alltag. Der Kirchentag wird ihn in den öffentlichen Raum in Düsseldorf tragen — auf Plätze, auf Bühnen, zwischen Stände der Begegnung, mitten unter Menschen. Im Glauben an unsere Gerechtigkeit werden wir hinsehen können, wo Menschen übersehen werden. Wir werden die Stimmen erheben, wo bewusst gespalten und Misstrauen gesät wird. Und wir werden Handlungsfelder erkennen, in denen wir selbst, jeder in seiner Beziehung zu Gott, zur Gerechtigkeit beitragen können. Und sei es nur durch ein Lächeln, dass sie jemandem schenken und damit sagen: du bist kostbar. Unverdiente Gnade. Ausrufezeichen!
Es gilt das gesprochene Wort