Seltene Entdeckungsreise in die Barockmusik

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Veröffentlicht am Dienstag, 13. August 2019 00:00
Seltene Entdeckungsreise in die Barockmusik

Kölner Stadtanzeiger, 12.8.2019

Seltene Entdeckungsreise in die Barockmusik

In der Evangelischen Kirche in Leichlingen ist es warm und feucht. Das Holz der Bänke und des Bodens knarzt bei jeder Bewegung. Hinter dem geöffneten Buntglasfenster rauscht sanfter Sommerregen. Karla Schröter hebt die Oboe an die Lippen, dann setzt die Orgel ein. Willi Kronenberg spielt die hohen Pfeifen zweistimmig, dann dreistimmig: Jede Hand eine der Oberstimmen, die Füße den Subbass. Schröter und Kronenberg spielen seit über zehn Jahren zusammen Barockmusik und pflegen die historische Aufführungspraxis aus dem 18. Jahrhundert. Das Ensemble „Concert Royal“ tritt in unterschiedlicher Zusammensetzung auf, momentan häufig als Duo. In Bibliotheken und Archiven sucht Schröter nach bisher unbekannten Stücken, dann muss daran getüftelt werden, um sie aufführbar zu machen. An diesem Abend in Leichlingen kommen die Besucher des Konzerts auch in den Geschmack von Musik, die sie möglicherweise noch nie zuvor gehört haben dürften. Die Orgel der Barock-Kirche ertönt zunächst etwas steif, dann zunehmend virtuos. Vor dem Hintergrund der Melodien erhebt sich die Oboe dafür umso sanfter. Ihr tiefer Ton klingt manchmal wie eine Altstimme, und beinahe vermeint man, gesungene Worte zu hören. Dann bildet der weiche Klang die Harmonien zum Orgelspiel. Mal singt die Oboe eine Passage aus der Orgelmelodie nach, mal ist es andersherum. Der Zuhörer merkt, dass Schröter und Kronenberg aufeinander gestimmt sind, sich den Ball zu spielen. Karla Schröter studierte historische Oboen-Instrumente. Die Oboe, auf der sie in Leichlingen spielt, ist eine Barock-Oboe. „Das schlichte Holzinstrument könnte man für ein Stuhlbein halten“, sagt Schröter humorvoll, als sie ihre Oboe vorstellt. Das Klima sei für das Instrument kein Problem, „sie liebt die Feuchtigkeit“. Es handelt sich hierbei um die Urform der französischen Oboe, deren Ton etwas tiefer ist. Auch Johann Sebastian Bach kannte das Instrument in dieser Form. Das Konzert stand ganz im Zeichen des weltbekannten Komponisten: Neben dem Meister selbst traten einige seiner Schüler und Enkelschüler, also Schüler der Schüler, in Erscheinung. Allein fünf Stücke des Abends stammen aus der Feder eines der engsten und vertrautesten Schüler J. S. Bachs: Johann Ludwig Krebs. Karla Schröter weiß einiges über die Komponisten, deren Werke sie spielt, und erzählt dem Publikum nach den ersten beiden Stücken ein wenig davon. Dann nimmt sie wieder einen anderen Platz auf der Empore ein. Mal spielt sie aus dem Chor des Kirchbaus, dann von der Seitenempore. Für ein Stück steigt sie in die Orgelstube und spielt oberhalb des sogenannten Fernwerks der Orgel. Das eindrucksvolle Instrument der Leichlinger Evangelischen Kirche ist aufgeteilt auf die Altar- und Chorseite des Gebäudes. Als die zweite Oberstimme der Orgel auf dem Fernwerk erklingt, tritt die Oboe dazu in Dialog. Schröter und Kronenberg ist es besonders wichtig, Abwechslung zu bieten. Die Musik erklingt dadurch besonders lebendig im Raum, und die in der Mitte sitzenden Hörer erleben die Musik aus allen Richtungen. Der Organist zieht alle Register – jedes Stück ist mit anderen Klangfarben registriert – und präsentiert damit auch die Orgel. Denn auch sie soll heute im Zentrum stehen: Das Instrument wird dieses Jahr 40 Jahre alt. Nach einer guten Stunde taucht das Publikum aus der Zeitreise ins späte 18. Jahrhundert auf. Beim letzten Stück, „Nun danket alle Gott“ von Christian Gotthilf Tag, singt ein Mann aus dem Publikum mit. Der Abend endet mit begeistertem Applaus. Das Konzert fand im Rahmen des Leichlinger Orgelsommers statt. Bis zum 30. August gibt es freitags um 19 Uhr ein Konzert in der Evangelischen Kirche . Um Spenden wird gebeten. Am Freitag, 16. August, spielt Michael Porr aus Opladen. Karla Schröter, Oboistin

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