Von Bombenangriffen und entwaffnender Herzlichkeit. Predigt zu Palmarum

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Von Bombenangriffen und entwaffnender Herzlichkeit. Predigt zu Palmarum

„Lubeck? How lovely! I allways tell people about Lubeck, but I never met someone from Lubeck. Wellcome to Exeter cathedral!“ Die nette ältere Dame ist begeistert. Sie führt die Teilnehmer:innen der Nordeuropäischen Kathedralkonferenz durch ihren Dom in Exeter, Südengland. Erklärt stolz die prächtige gotische Architektur. Diese Kathedrale hat das längste Gewölbe Englands. Wir legen den Kopf in den Nacken und staunen. Amazing! Sie zeigt den Bischofsthron aus dem 14. Jahrhundert, die astronomische Uhr, die riesige Fensterrose und die Katzenklappe für die mittelalterlichen Rattenfänger. O dear! Zum Schluss zeigt sie uns die im Krieg zerstörten Bereiche der Kathedrale. „That’s why I allways talk about Lubeck, dear!“ Sie kennt die Daten: In der Palmarumnacht vom 28. auf den 29. März 1942 haben britische Bomber Lübeck angegriffen, als Reaktion auf die Bombardierung Coventrys. Wir nicken beklommen. Haben die Bilder der brennenden Türme vor Augen. Diesen Teil der Geschichte kennen wir. Was mir nicht bewusst war: Auf Vergeltung folgte Wiedervergeltung, unerbittlich, immer wieder, und vier Wochen später, im April 1942, war Exeter das Ziel der deutschen Rache für die Angriffe auf Lübeck und Rostock. In England werden diese Angriffe Baedeker Blitz genannt. Hitler selbst soll die Ziele nach dem Baedeker-Reiseführer gewählt haben: Gerade die historisch wertvollsten und schönsten Städte sollten ausgelöscht werden. „Lubeck cathedral? Lovely to have you here!“, lächelt die Dame. Sachlich und klar erzählt sie von den Bombenschäden an ihrer Kirche. Kein Seitenhieb auf die kriegstreibenden Deutschen. Kein Vorwurf gegen die Nachkommen der schrecklichen Nazis. Im Gegenteil. Sie überschüttet ausgerechnet uns beide aus Lübeck mit Herzlichkeit. Ihre Freundlichkeit ist entwaffnend. Weil sie uns unerwartet trifft und von Herzen kommt.

Ob das damals ähnlich war in Jerusalem? Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der ungesäuerten Brote. Die führenden Priester und die Schriftgelehrten suchten nach einer Möglichkeit, Jesus mit einer List zu verhaften und umzubringen. Sie sagten aber: »Auf gar keinen Fall während des Festes, damit es keine Unruhe im Volk gibt.« Jesus war in Betanien. Er war zu Gast bei Simon, dem Aussätzigen. Als er sich zum Essen niedergelassen hatte, kam eine Frau herein. Sie hatte ein Fläschchen mit Salböl dabei. Es war reines kostbares Nardenöl. Sie brach das Fläschchen auf und träufelte Jesus das Salböl auf den Kopf.

How lovely! Eine Frau überrascht mit Freundlichkeit ohne Berührungsangst. In einem Kontext, in dem das niemand erwartet. O dear: Diese Frau ergreift die Gelegenheit. Platzt in die Männerrunde hinein. Jetzt oder nie, mag sie gedacht haben. Vielleicht hat sie nichts zu verlieren, vielleicht will sie einfach alles gewinnen, ohne Rücksicht auf sich selbst und die Männer am Tisch. Wortlos handelt sie und liefert sich damit aus – den neugierigen Blicken, den Kommentaren. Einige ärgerten sich darüber und sagten zueinander: »Wozu verschwendet sie das Salböl? Das Salböl war über 300 Silberstücke wert. Man hätte es verkaufen und das Geld den Armen geben können.« Die Frau übergießt Jesus mit Öl, und die Männer? Sie überschütteten die Frau mit Vorwürfen, heißt es. Nardenöl ist etwas für Liebende. Der Wert eines Fläschchens entspricht dem Jahreseinkommen eines Tagelöhners. In Sekundenbruchteilen vergeudet, das widerspricht allem, was die Jünger mit Jesus erlebt haben. Ein König wird gesalbt oder ein Toter. Aber diese Frau hat niemanden einfach zu salben. Nicht beim Abendessen unter Männern, die salbungsvolle Reden halten. Das geht nicht. Da könnte jede kommen. Das haben wir noch nie gemacht. Jesus, tu was. Aber Jesus sagte: »Lasst sie doch! Warum macht ihr der Frau das Leben schwer? Sie hat etwas Gutes an mir getan. Es wird immer Arme bei euch geben, und ihr könnt ihnen helfen, wann immer ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht für immer bei euch. Die Frau hat getan, was sie konnte: Sie hat meinen Körper im Voraus für mein Begräbnis gesalbt. Amen, das sage ich euch: Auf der ganzen Welt wird man die Gute Nachricht von mir verkünden. Dann wird man auch erzählen, was sie getan hat. So wird man sich immer an sie erinnern.«

That’s why it’s so good to have you here: Die Frau spürt, was die, die immer um Jesus sind, nicht sehen können oder wollen. Sie ahnt, dass der, der immer gibt, nun etwas braucht. Sie ist mutig. Sie nimmt sich heraus, das zu tun, was jetzt dran ist. Geradezu prophetisch und auch palliativ. Denn sie bereitet ihn, dem die letzte Salbung später verwehrt werden wird, auf seinen Tod vor. Hält nicht fest an dem, was sich gehört und was jetzt dran ist, Abendessen nämlich, Abendmahl, Andacht und ernste Gespräche. Für sie zählt jetzt Zuwendung, Berührung. Verschwenderisch, überraschend, anrührend. Weil sie spürt, dass es ums Ganze geht, um Leben und Tod, um die letzte Ehre. Begleitung auf dem schweren Weg, Vorbereitung auf das kommende Sterben, körperliche wie seelische Sorge um Leib und Seele zählt für sie. Dieser Mensch, seine Angst und sein unfassbarer Weg sind für sie unbezahlbar, dafür kann die Berührung, kann das Salböl gar nicht kostbar genug sein.

Es wird immer Arme bei euch geben, und ihr könnt ihnen helfen, wann immer ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht für immer bei euch, macht Jesus den Freunden damals und uns heute klar. Sich um Entrechtete, um Hungrige, um Bedürftige kümmern, das bleibt im Blick. Dass Menschen sich gegen ökonomische Ungerechtigkeit einsetzen, das wird keinen Moment abgewertet. Aber sich Raum nehmen, für das, was da ist, das darf auch seinen Ort haben. Im Jetzt und Hier sein. Verschwenderisch zugewandt und entwaffnend freundlich. Berührend. Zupackend. Schrankenlos. Das ist kostbar damals wie heute.

Wie die Geschichte für Jesus weitergeht, ist bekannt. Wenige Tage darauf ist er tot. Sind die Jünger geflohen. Ist alle Hoffnung zunichte. Macht das Salböl plötzlich Sinn, aber darauf kommt es in dem Moment für seine Freunde nicht an.

Was in Exeter und in anderen Städten damals passierte, hat die nette ältere Dame uns Konferenzteilnehmenden lebhaft geschildert. Eine 250-kg-Hochexplosivbom-be schlägt 1942 direkt in die St. James-Kapelle ein und zerstört sie. Die Wucht der Explosion demoliert Teile des Chorgewölbes, zwei Strebepfeiler werden zerstört, die Orgel beschädigt, Fenster platzen durch die Druckwelle. Das angrenzende Gebäude der Kathedralschule ist vernichtet. Freiwillige Feuerwächter verhindern, dass Brandbomben auf dem ein größeres Feuer entfachen. König Georg VI. besucht die Kathedrale kurz nach dem Angriff. Der Wiederaufbau erscheint ihm als das „größte Puzzle der Welt“. Doch die Teile passen tatsächlich. Die Schäden werden nach dem Krieg repariert. Heute ist von der Zerstörung kaum noch etwas zu ahnen, ähnlich wie hier in Lübeck. Nur Bilder und Berichte von Zeitzeug:innen erinnern daran.

Bei der Kathedralkonferenz im Februar in Exeter ging es viel um die Kunstschätze der großen Kirchen in Nordeuropa. Wie wir diese riesigen Kathedralen und Dome erhalten, wie wir sie für Menschen öffnen, wie wir das Geld dafür auftreiben. Es gab kluge Vorträge und Diskussionen mit Professorinnen, Bischöfen, hochrangigen Kirchenmenschen. Wir haben in der prächtigen Kathedrale große hochliturgische Gottesdienste mit traumhafter englischer Chormusik gefeiert, sehr festlich und sehr bunt mit Kolleg:innen aus Dänemark und Estland, aus Norwegen, Schweden, den Niederlanden, Irland und Island. Wir haben das Brot geteilt wie Jesus und seine engsten Vertrauten: Eat this bread, drink this cup, do this in remembrance of me. Tut das zu meinem Gedächtnis. Amen, das sage ich euch: Auf der ganzen Welt wird man die Gute Nachricht von mir verkünden. Dann wird man auch erzählen, was sie getan hat. So wird man sich immer an sie erinnern.

Von der Konferenz ist mir manches nachgegangen und vieles noch vor Augen und im Gedächtnis. Was mich am meisten beeindruckt hat war diese kurze Begegnung mit der Frau, deren Namen ich nicht weiß. Sie hat uns angerührt mit ihrer überfließenden Herzlichkeit, wo niemand damit rechnete. Amazing. Echt. Das war ein Geschenk. Amazing grace.

Amen

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