
Predigttext: 2. Korintherbrief 5, 14-21
Heute ist Karfreitag. Wir sehen auf das Kreuz. Wir hören, was da geschah. Wir hören es wieder. Es hört nicht auf, schrecklich zu sein. Was da gesagt wird:
Was geht uns das an? Da sieh du zu.
Kreuzige ihn! Lass ihn kreuzigen!
Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen; seht ihr zu!
Anderen hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen.
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Menschen werden sich fremd; werden gleichgültig und gewalttätig. Sie werden sich selbst zum Feind. Ein Mensch schreit, schreit seine Verlassenheit von Gott und von den Menschen heraus.
Es hört nicht auf, schrecklich zu sein. Was da getan wird und was da geschieht:
Er ließ ihn geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt würde.
Sie zogen ihn aus … und spien ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit auf sein Haupt.
Sie lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe. Sie spotteten und schmähten ihn.
Er schrie laut. … Er schrie abermals laut und verschied.
Ein Mensch wird zum Opfer all der Gewalt, ein Verwundeter. Menschen überlassen sich der Gewalt – der Gewalt der Worte und der der Hände. Ein Mensch schreit und stirbt.
Es ist Karfreitag. Karfreitag ist ein schrecklicher Tag. Wir hören und sehen, was da geschieht. Mit ihm, dem einen. Mit ihnen allen. Gleichgültigkeit und Gewalt. Es ist Krieg: im Iran, in der Ukraine, im Libanon, in Israel. Menschen sterben. Menschen schauen zu. Ein Video der offiziellen Internetseite des Weißen Hauses zeigt Bilder des Irankrieges. Raketeneinschläge in Häuser und Fahrzeuge. Die Bilder sind unterlegt mit fetziger Musik – die Detonationen passend zu den Beats. Bumm.
Wir diskutieren vor allem über Preissteigerungen. Was ist los an den Tankstellen? Was ist los – mit uns? Es ist unbestreitbar real. Die Geschichte, die wir gehört haben, erzählt nur, was geschieht.
Es ist Karfreitag. Wir sehen das Kreuz. Hier im Dom ist es unübersehbar und unausweichlich. Wir kommen an dem Kreuz nicht vorbei. Ein Mensch am Ende. Menschen, die mit sich am Ende sind – ohne, dass sie’s merken. Das Kreuz ist Zeichen dafür, wie alles fraglich wird in dem, was geschieht.
Wozu sind Menschen fähig? Was gehört zu unserem Menschsein?
Was ist mit mir? Was könnte mit mir geschehen?
Und wie denn ist Gott zusammenzubringen mit dem, was da geschieht?
Wo ist Gott? Weit weg, oben im Himmel? Gott, der sich abwendet und die Welt sich selber überlässt?
Keine Stimme vom Himmel antwortet dem, der nach ihm schreit. Ein Mensch stirbt gottverlassen.
Es ist Karfreitag. Wir sehen das Kreuz. Alles wird fraglich. All das gibt es. Im eigenen Leben auch. Die Albträume und die real gewordenen Albträume. Leiden und Angst und Schmerzen, Trauer und Alleinsein, Trostlosigkeit, die Traumata von früher und die gegenwärtigen Schrecken. Die Wunden, die zu uns gehören. Gibt es in jedem Leben. Und auch die Wunden, die wir anderen zugefügt haben. Das gibt es auch, dass wir selbst uns verfehlten und uns hinterher fragten: Wie konnte es soweit kommen? Wie konntest du? Das Kreuz führt vor Augen, was Menschen leiden. Es macht sichtbar, wozu Menschen fähig sind.
Das Kreuz offenbart den Riss zwischen dem, was sein soll und dem, was ist; den Riss, der Gott und Mensch voneinander trennt, der Mensch und Mitmensch uneins und gegeneinander sein lässt, der mich selbst innerlich zerrissen sein lässt. Dieser Riss ist das, was die Bibel »Sünde« nennt.
Es ist Karfreitag. Es ist ein richtig böser Konflikt, in den hinein der Apostel Paulus schreibt. Aus dem 2. Korintherbrief im 5. Kapitel: Denn die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben, dass einer für alle gestorben ist und so alle gestorben sind. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde. Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
Heute ist Karfreitag. Wir sehen auf das Kreuz. Wir hören, dass das, was vor Augen ist, nicht alles ist. An Karfreitag verbirgt sich Gott vor aller Augen und offenbart sich das Geheimnis Gottes. Der Vorhang im Tempel zerreißt, das Allerheiligste wird enthüllt. Wir hören, dass in dem, was geschieht, eine Liebe ist, die bis zum Äußersten geht. Sie hat das erste Wort. Einer ist gestorben für alle.
Gott hat der Welt nicht den Rücken zugekehrt. Gott hat sich den Bedingungen ausgesetzt, unter denen wir leben – mit dem Bösen, das wir tun, und dem Bösen, das uns widerfährt. Gott war in Christus.
Gott war da – in ihm. Gott ist nicht fern. In Christus teilt Gott mein Leben, das ganze. Das besteht ja aus Liebe und Glück – und aus Schuldigwerden, Leiden gehört dazu und einmal der Tod.
Gott hat nicht aufgerechnet und nicht abgerechnet. Gott hat alles auf sich genommen. Das Kreuz wird zum Bild einer Liebe, die die Welt nicht verloren gibt. Die Arme des Gekreuzigten werden zu den ausgebreiteten Armen, offen für alle, die nicht mehr weiterwissen und -können; für mich.
Karfreitag lässt uns schaudern vor menschlichen Abgründen – und schauen in den Abgrund des Erbarmens Gottes, der in aller Not bei uns Menschen sein will. „Gott versichert durch Jesu Sterben: Ich verlasse euch auch in Gottverlassenheit nicht.“ (G. Theißen) Nicht einmal der Tod kann uns mehr von Gott trennen.
Was sich damit verändert hat? 'Alles', sagt der Apostel Paulus.
Wir sind nicht mehr die alten, sondern eine neue Kreatur. Gott nahm den Tod auf sich, damit wir mit Christus leben. Wir sehen mit neuen Augen und kennen niemanden mehr nach dem Fleisch. Niemand ist nur das, was vor Augen ist. Und die Welt ist nicht mehr dieselbe; denn Gott war in Christus versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
Heute ist Karfreitag. Wir sehen, was geschieht – und sehen mit anderen Augen. Wir sehen den Gekreuzigten und sehen die Menschen in den Häusern und Fahrzeugen, die Mädchen in der Schule in Teheran, die von einer Rakete getroffen wurde – sie waren auch Gottes Kinder. Sie hatten einen Namen. Sie gehörten zu anderen Menschen. Sie waren Töchter, Söhne, Väter, Mütter, Brüder, Schwestern. Sie waren Menschen. Gott lebte in ihnen – in jedem und jeder einzelnen.
Kar-Freitag – Tag der Trauer. Vielleicht entsteht unter dem Kreuz so etwas wie eine gemeinsame Anteilnahme am Leben. Vielleicht beginnt Versöhnung so, dass wir empfindsamer werden, berührbar bleiben für die eigenen Wunden und die der anderen, achtsam, solidarisch miteinander. Vielleicht beginnt Versöhnung damit, hinzuschauen und den anderen, selbst wenn er Feind ist, Mensch sein zu lassen. Das Leben mehr zu wollen als den Tod. Das eigene Leben und das Leben des anderen. Mitmensch sein wollen.
Karfreitag – und die eine Bitte: Lasst euch versöhnen mit Gott! Gott hat sich entschieden, in euch zu sein. Wagt, es wahr sein zu lassen, was Gott begonnen hat. So seid Botschafter:innen der Versöhnung.
Am Eingang der Versöhnungskirche in Taizé gibt es eine Tafel; darauf steht: »Wenn ihr hier eintretet, so versöhnt euch: Der Vater mit dem Sohn, der Mann mit seiner Frau, der Gläubige mit dem, der nicht glauben kann, der Christ mit seinem getrennten Bruder.«
Es steht nicht da, dass Versöhnung leicht ist.
Wer eintritt, sieht auch in der Kirche von Taizé ein Kreuz – mit einem Herz an jedem der vier Kreuzenden, Zeichen der Liebe, die Himmel und Erde erfüllt. Vielleicht kann Karfreitag wie eine offene Tür sein, durch die wir eintreten können – trotz allem und nach allem und mit allem – gemeinsam.
Gott war in Christus. Christus lebt in uns.
Heute ist Karfreitag. Wir sehen das Kreuz. Und aus dem Stamm des Kreuzes wachsen Ranken hervor.
AMEN.